Danke, dass ich dein Hurensohn sein darf

...oder wie man ein "Ich brauche dich" übersieht

Fallsupervision Fallberatung Jugendhilfe

Sagen wir nicht eigentlich viel zu selten „Danke“? - Sehen wir Menschen richtig?

Erkennen wir Beziehung, wenn sie entsteht?

In vielen Situationen, in denen Jugendliche uns begegnen, erkennen wir nicht, dass diese mit ihrem Verhalten versuchen Beziehung aufzubauen und uns mitteilen, dass sie uns gerade brauchen. Wir sehen das Offensichtliche und blicken nicht hinter die Fassade, auf das, was sie uns wirklich sagen wollen. Wir sehen oft nur die Provokation oder die Aggressivität, sei es in den Worten oder Handlungen, aber es fehlt uns der Blick um die eigentliche Not der Jugendlichen zu erkennen, nämlich das Grundbedürfnis in Beziehung zu gehen, Kontakt aufzubauen, Hilfe zu erhalten und eine Person zu finden, die bereit ist für sie da zu sein. Und anstatt diesen meist verzweifelten Hilferuf wahrzunehmen, reagieren wir mit Ablehnung. Wir reagieren mit Strafen und Disziplinen, doch wir reagieren weder mit offenen Armen, noch mit offenen Herzen. 


„Danke, dass ich dein Hurensohn sein darf“ – ein Titel den ich gewählt habe, weil es genau darum geht. -  In eine Beziehung einzusteigen. 

 

Wir sollten dankbar dafür sein, dass der Jugendliche uns als Gegenpart wahrnimmt bzw. sich uns aussucht, um sich an uns abzuarbeiten. Jemand, der wirklich kein Interesse an uns oder einer Beziehung zu uns hätte, würde uns ignorieren. Wer „Hurensohn“ oder „Arschloch“ zu einem sagt, sagt gleichzeitig auch, dass er/sie bestimmte Eigenschaften/ Sachen an einem findet, die er/sie für interessant und bemerkenswert hält und mit uns Kontakt aufnehmen möchte. Wenn wir als Erwachsene Jugendliche verstehen wollen, müssen wir uns vor Augen führen, dass unsere Kommunikationskanäle vielleicht nicht immer mit denen der Jugendlichen übereinstimmen. Manchmal senden sie nicht nur auf einem anderen Kanal, sondern vielleicht verfügt einfach auch nicht jeder über Sky und unsere Erwartungen übertreffen die einen oder andere Möglichkeiten des Jugendlichen. Und gerade aus diesem Grund gilt es ein "Ey du Hurensohn" oder ein Schlag ins Gesicht zu dechiffrieren, da es nicht selten nicht mehr heißt als ein "Hallo, ich brauche dich jetzt!" oder "Bleib` bitte bei mir, ich will mich an dir erfahren." Somit ist nach diesem Satz: „Ey du Hurensohn“ - ein „Danke, dass du mich ausgewählt hast und danke, dass du glaubst und mir zutraust, dass ich die richtige Person für dich bin, an und mit der du lernen kannst.“, viel angebrachter und letztendlich hilfreicher, als ein „Wie kannst du das nur sagen?“ oder ein „Das gibt einen blauen Brief an die Eltern!" oder schlimmer noch, ein: „Geh weg, du nervst:“ 

Grade Jugendlichen mit Beziehungsstörungen fällt es oft schwer sich auszudrücken.

Zudem leben wir in einer Gesellschaft, in der das Gefühle zeigen eine Schwäche darstellt und Hilfe nur die Schwachen brauchen. Beziehungsweise, dass gerade Männern, die Hilfe in Anspruch nehmen, ihre Männlichkeit aberkannt wird. Welche Chance haben Jungs, um deutlich zu machen, dass sie Hilfe benötigen und sie jemanden brauchen, der für sie da ist, wenn das doch immer etwas ist, was negativ in einer Gesellschaft dargestellt wird? Solange wir in einer stark leistungsorientierten Gesellschaft leben, wird sich daran nichts ändern. Dieses Gesuch nach Hilfe wird gesellschaftlich so ausgelegt, als ob es eine Schande und peinlich wäre, sie in Anspruch zu nehmen. Dass Gesellschaft allerdings nur dann funktioniert, wenn man sich gegenseitig hilft, wird außer Acht gelassen. 

Solange wir gesellschaftlich immer weiter in die Richtung abdriften, dass Hilfe in Anspruch zu nehmen oder um Beziehung zu bitten eine Schwäche darstellt und die Lone-Wolf-Strategie und der einsame, harte Kämpfer immer mehr gefordert wird, desto mehr müssen wir uns in Zukunft damit auseinandersetzen, dass Jugendliche an sich selbst zweifeln, bzw. an der Frage verzweifeln, wie sie alleine existieren sollen, wenn die benötigte Hilfe doch unheimliche wichtig ist, um ihr Leben aktiv in die richtige Richtung lenken zu können. Die Lösung kann nicht sein, Menschen zu befähigen, Einzelgänger in ihrem Leben zu werden, sondern letztendlich müssen wir daran arbeiten, dass wir unsere Gesellschaft und unser Verständnis von effektiven Hilfesystemen neu überdenken. Eine Legitimation der gegenseitigen Unterstützung und Stärkung ist wichtiger denn je. Wir reden von einer Verrohung der Sprache und einer Verrohung der Jugendlichen, von einer Veränderung von Gewalt in unserer Gesellschaft und dabei ist doch die Frage, wo kommt diese her?

Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer. Wir hängen Menschen ab, Menschen, die keinen Raum mehr bekommen, um sich zu entfalten, in dem wir die Hilfsbedürftigen als dumm, schwach oder sogar als eine Art von „falsch“ abstempeln. 

Gerade wenn es um Radikalisierungsprozesse geht, unabhängig davon, ob sie am Ende in einem rechtsextremen oder islamistischen Milieu auftreten, ist die Frage in wie weit sich Jugendliche, während sie sich dorthin orientieren, nicht doch stark bemerkbar machen. Dies vielleicht, indem sie sich nicht nur auffällig verhalten, doch, gerade weil sie sich auffällig verhalten. Die, die sich eben nicht schweigend zurückziehen, sondern dort die Konfrontation suchen und die, die Provokation suchen, sei es in der Schule, sei es zu Hause oder in sonstigen Einrichtungen, sind doch eigentlich die, die genau damit den letzten Hilferuf aussenden. Ein Hilferuf, der schreit „Bitte sieh` mich, da ich mir sonst einen anderen Raum, eine andere Gruppe suchen muss, die mich sieht.“ - Dies oft wohlwissend, zumindest im Unterbewussten, dass das kein Ort sein wird, an dem man gerne gesehen wird/ der einem gut tun wird, den Jugendliche als letzten Strohhalm ergreifen, in der Hoffnung, dass sie dort eben doch das kriegen, was sie sonst in ihrem Leben vermissen. 

Nämlich: gesehen zu werden. 

 

In rechtsextremen oder islamistischen Gruppen wird Jugendlichen gerade am Anfang genau das vorgegaukelt. Sie wissen darum, dass Jugendliche emotional aufgefangen werden müssen und sie für das Gefühl einer Zugehörigkeit, einer Identität, viele Hürden auf sich nehmen. Man gibt Jugendlichen dort das Gefühl ein offenes Ohr zu haben und sich für sie und ihre Belange zu interessieren. Unabhängig davon, ob sie es am Ende auch tun – es zählt oft allein die Hoffnung darauf. Selbst wenn man eventuell schon mal gehört hat, oder vielleicht sogar weiß, dass man am Ende ausgenutzt wird - die Sehnsucht gesehen zu werden überwiegt, bzw. scheint es wert zu sein und die Manipulation wird als wissentliche Bedingung hingenommen - der Deal „Hoffnung auf gesehen werden“ gegen „Manipulation“ wird eingegangen. 

Was dadurch ersichtlich ist, deren Köder ist ebenso unsere beste Waffe. Wenn wir rechtsextremen und islamistischen Kräften das Wasser abgraben wollen, müssen wir anfangen unsere Jugendlichen wirklich zu sehen und Spaß daran haben, den anderen zu erkennen. Und allein das ist das, was grade Jugendliche brauchen. Und mit der tiefen Überzeugung, dass kein Mensch böse oder schlecht ist, sondern jeder Mensch gut ist und auch eigentlich das Gute will, müssen wir uns doch die Frage stellen bzw. müssen wir anderen die Frage stellen, in wie weit sie das Gefühl kennen, unfair behandelt zu werden, wie sie dies für sich empfinden, wer sie selbst sein wollen und ob sie anderen genau das Gefühl der unfairen Behandlung geben wollen. Da jeder das Gefühl kennt, kann sich jeder mit diesem identifizieren. 

Es geht somit darum, wie man sein will und wie man wahrgenommen werden will – also Identitätsfindung. 

 

Wenn Jugendliche dann wirklich ehrlich antworten, werden sie nicht äußern, dass sie unfair sein wollen. Sie werden sich mit sich und ihrer Situation auseinandersetzen und ihr Handeln oder ihre Äußerungen vielleicht auch damit versuchen zu erklären, dass sie sich selbst unfair behandelt fühlen. An diesem Punkt öffnen sie sich für ein Gespräch. Und gerade, wenn sie viele Erfahrungen gemacht haben, die sie als unfair erachten, zeigt das nur noch viel deutlicher, wie verletzt sie sind. – Somit ist dies gutes Material um herauszufinden, ob sie das Gefühl auch anderen vermitteln wollen. Wenn sie ehrlich sind, ist die Antwort immer ein „Nein“.

Besonders spannend wird es, wenn man sich damit beschäftigt, welche Menschen für uns im Leben wertvoll waren. Schnell werden wir dann zu der Erkenntnis kommen, das dies Menschen sind, die gut zu uns waren, die uns gesehen haben. Wenn wir uns fragen, welche Lehrer uns gut getan haben; welche uns positiv in Erinnerung geblieben sind; von wem wir gut gelernt haben? - dann sind das die Menschen gewesen, die mit uns auf Augenhöhe gegangen sind, die uns ernst genommen haben, die uns das Gefühl gegeben haben wichtig zu sein und die in schwierigen Situationen Ansprechpartner für uns waren - uns nicht allein ließen. Und wenn wir uns mit der Frage auseinandersetzen, von wem wir wenig gelernt haben, dann sind es wahrscheinlich die Menschen die von oben herab mit uns gearbeitet haben. Und wieder stellen wir die Frage: Willst du sein wie jemand von dem Menschen etwas lernen und eine Person sein die Leute als Vorbild sehen, als wirkliches menschliches, echtes, authentisches Vorbild, oder willst du jemand sein, der mies zu anderen ist, warum auch immer? – Es wird immer das Erstere sein! 

Je schwieriger Jugendliche sind, scheinen oder nach außen hin wirken, desto interessanter sind gerade für diese Jugendlichen diese Fragen. Und dann geht es eben nicht darum, die Jugendlichen alleine zu lassen und zu sagen „Du bist gerade nicht so, wie wir dich gerne hätten und deswegen hau ab“, da sie selbst nicht wissen, wie sie grade sind oder sein wollen, daher brauchen sie unsere Begleitung. Wenn wir sie hier nicht begleiten, kann es sein, dass sie sich von anderen begleiten lassen, Andere, die da sehr viel mehr Bock drauf haben, weil sie sie nicht zu denen machen, die sie selbst gerne wären, sondern sie so manipulieren, wie sie ihnen nützlich sind. Wenn wir intensiv mit Jugendlichen arbeiten, glaube ich, dass die Wahrscheinlichkeit auf einen Jugendlichen zu treffen, der wirklich nicht mehr erreichbar ist, geringer ist als ein 6er im Lotto. 

Oft ist es die Art der Ansprache, der Kommunikation oder die Art der Beziehung, die nicht passt. Nicht selten ist es aber auch das Setting, der falsche Raum, zu wenig Zeit, etc. Das bedeutet aber nicht, dass der / die Jugendliche nicht erreichbar ist, sondern dass uns die passenden Gegebenheiten fehlen, was es für uns schwer und herausfordernd macht, aber niemals unmöglich! 

 

Vielleicht arbeiten wir mal mit einem klassischen Beispiel was ich von hunderten von Schulen mittlerweile kenne:

 

Ein Jugendlicher malt ein Hakenkreuz.

Was ja nur eine Provokation ist - oft ist es das, manchmal auch nicht, ganz klar, aber meistens schon. 

Doch, was nun? – Wie geht man damit um? Lässt man es im Raum stehen? Geht man drauf ein oder nicht? Steigt man in eine politische Diskussion ein? – Was will der/die Jugendliche uns eigentlich damit sagen? Was er will - wenn es die Provokation ist - ist Beziehung. Wenn ein Jugendlicher deutlich macht, dass er/sie Beziehung braucht, ist es wichtig, genau diese zu anzubieten. 

ABER: Das Spielfeld bestimmen wir! 

 

Durch eine Spielfeldänderung bieten wir eine alternative Provokations- und Konfliktfläche, die Beziehung entstehen lässt, ohne, dass man sich mit rechtsextremen Elementen befassen muss. Der Jugendliche nutzt das Hakenkreuz, da die Wahrscheinlichkeit relativ hoch ist, dass der Erwachsene darauf reagiert und sich Zeit für den Jugendlichen nimmt. Auch wenn die Zeit eher „negativ aufgeladen“ ist, ist es dennoch Zeit, die sich ein Erwachsener für den betreffenden Jugendlichen nimmt. Reibung erzeugt Wärme. 


Kinder und Jugendliche, denen es schwerfällt, zu äußern, was sie brauchen, können nicht einfach sagen: „Ich muss mal mit dir reden, / ich brauche dich mal". Stattdessen nutzen sie die konfrontative Ausdrucksform, in der Hoffnung, dass jemand drauf anspringt, sich darüber aufregt, man sich lange für sie Zeit nimmt und fragt, was passiert ist und wie man helfen kann. 

Leider ist es in der Realität allerdings eher so, dass wir empört reagieren, abstrafen oder gar alleine lassen. Wenn wir auf die Falle der Provokation reinfallen, wird der Jugendliche jedes Mal, wenn er Beziehung braucht, ein weiteres Mal ein Hakenkreuz malen oder sich gegeben falls noch weiter mit rechten Elementen befassen, da er die Erfahrung gemacht hat, dass wir darüber in Beziehung gehen – wenn auch negativ. Hier geht es darum zu verhindern, dass er sich weiter in die Szene reinarbeitet, weil er uns erreichen will und nicht weiß, wie das geht. Schlimmstenfalls findet er diese dann irgendwann so spannend, dass er dort verharrt und dort Kontakte knüpft. 

Bei einem meiner liebsten Beispiele wollte mich ein Jugendlicher mit einer Jacke provozieren, die rechte Aufnäher trug. Anstatt, dass ich mich darüber aufregte, habe ich ihm ab sofort verboten zwei unterschiedliche Socken zu tragen. Monatelang stritten wir uns über die Socken – die Jacke entfernte ich nach ein paar Tagen aus seinem Zimmer und sie war nie wieder Thema. Wichtig war, wenn er unterschiedliche Socken trug, brauchte er mich. – Ich habe somit ein alternatives Feld der Reibung geschaffen. Weil die Idee mit den Socken so bescheuert war, war diese Grenze nicht zu akzeptieren und bot viel mehr Streitpunkte, als die Jacke. 

Letztendlich ist der Konflikt stellvertretend dafür, dass Beziehung gebraucht wird, die versucht wird über Reibung und Konflikte aufzubauen. Wenn der Jugendliche Beziehung über Konflikte entstehen lassen möchte, ist es wichtig, dass nicht er, sondern wir das Konfliktfeld bestimmen um ihm einerseits das zu geben, was er braucht, Wärme durch Reibung, aber andererseits ihn zu schützen, indem wir das Spielfeld der Reibung festlegen. Und vielleicht suchen wir uns dafür etwas völlig Bescheuertes aus, um dem Jugendlichen zu geben, was er braucht, aber auch um ihn vor dem zu schützen, was ihm schadet. 

 

Nichts Anderes ist die Hurensohn-Thematik – Danke, dass du mich ansprichst. Danke, dass ich dein Konfliktpartner sein darf und danke, dass ich dein Hurensohn sein darf.



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