Andre und der Heizungskeller

...oder wie wir zueinander fanden

Fallsupervision, Supervision, Teamsupervision, Beratung

Andre begrüßte mich jeden Morgen, indem er den rechten Arm nach oben warf, um mich herumrannte und „Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil, etc.“ rief. Jeden Morgen wäre nicht ganz richtig, jeden Morgen, immer, wenn es in die Pausen ging, wenn diese vorbei waren und natürlich zum Ende des Schultages. Dies ging Woche für Woche so. Wenn ich ihn was fragte, sagte er „Ja, Herr Hitler“ oder „Nein, Herr Hitler“. Nun war Andre ein 12-jähriger Junge, der mit seinem sonstigen Verhalten, seinem Umgang mit Anderen oder seinem Wissen zum Rechtsextremismus deutlich zeigte, dass er kein rechter Jugendlicher war. Zudem war mir die ganze Zeit deutlich klar, dass er mich mag. 

Nachdem dies einige Wochen so ging, kam ich morgens erneut in die Klasse, Andre hüpfte wieder um mich rum, wir versuchten Unterricht zu machen… als es in die Pause ging, sprang er wieder auf und lief auf mich zu. Die anderen waren schon alle auf dem Schulhof, Andre lief „Sieg-Heil-rufend“ mal wieder um mich rum. Ich packte ihn an den Schultern, sah ihn ernst an und fragte ihn: „Kann ich dich mal was fragen?“ Andre: „Ja, Herr Hitler!“ Ich: „Wie hast du unsere letzte Nacht im Heizungskeller gefunden?“ Andre zeigte sich sichtlich überfordert, und fragte: „Was?“ Ich sagte zu ihm: „Andre, du weißt doch genau was ich meine. Letzte Nacht im Heizungskeller, wir beide, fandest du es nicht genauso schön?“ Ich zwinkerte ihm zu und sah ihn grinsend an. Andre, scheinbar völlig überfordert fragte, was ich meinen würde, worauf ich ihm sagte, dass er nun Pause hätte und raus gehen sollte, was er tat. Ich selbst ging ziemlich überfordert von mir und der Situation ins Lehrerzimmer und dachte, dass ich mir nun wahrscheinlich einen anderen Job suchen müsste. Nach ein paar Minuten klopfte es an der Tür – es war Andre. Er stand dort mit seinen beiden Freunden und fragte mich freudestrahlend, ob ich wiederholen könne was ich vorhin zu ihm sagte, da seine Freunde ihm das nicht glauben würden. Ich war ziemlich irritiert, verneinte seine Bitte (nicht auch noch Zeugen) und sagte ihm, dass jetzt Pause wäre und wir uns danach wiedersehen würden. Als die Pause vorbei war, ging ich in den Klassenraum, indem Andre schon auf mich wartete. Andre war noch nie der Erste im Raum, somit verstärkte sich meine Unsicherheit. Er kam auf mich zu und fragte, ob ich denn gleich seinen Freunden sagen könnte, was ich zu ihm sagte. Ich verneinte dies, worauf ein „Bitte, bitte, bitte“ kam. Ich schüttelte den Kopf, so nach und nach kamen die anderen Mitschüler*innen von ihm in die Klasse. Nachdem alle anwesend waren, wollte ich starten, doch Andre saß vor mir, faltete die Hände und bettelte mich an, mein gesagtes zu wiederholen. Ich schaute ihn an und sagte: „Andre, was wir beide in der Heizungskammer machen, geht hier, außer uns beiden, niemanden was an.“ Andre drehte sich um und rief: „Seht ihr, hab‘ ich doch gesagt! Der hat das gesagt!“ Er schien unglaublich glücklich darüber, dass ich seine Aussage somit bestätigt habe, wobei ich selbst noch unsicherer wurde. Ich versuchte die Klasse zu beruhigen und machte weiter. Nach der Stunde, also zum Ende des Schultages, kam Andre auf mich zu und ich dachte, die Hüpferei geht wieder los. Diesmal kam er allerdings und fragte mit lauter Stimme, sodass alle es gut hören konnten, ob wir uns denn diese Nacht wieder im Heizungskeller sehen würden. Ich schaute ihn an, musste etwas lachen und sagte zu ihm: „Selbstverständlich!“ Worauf er anfing zu lachen und „OK!“ rief, anschließend munter den Raum verließ. 

Am nächsten Morgen kam er in den Klassenraum, blickte mich glücklich an und fragte „Na Herr Ramnitz, wie war ich?“ 

 

Dann war`s mir klar. Andre war nicht rechts und wollte sich auch nicht dahingehend radikalisieren. Er suchte eine Möglichkeit, eine individuelle Beziehung zu mir aufzubauen, wusste allerdings nicht, wie er das schaffen sollte. Er wusste, dass ich eine klare Positionierung gegen „rechts“ habe und hat sich deshalb dem einzigen Thema bedient, welches ich ihm angeboten habe. Hätte ich darauf reagiert, hätte er sich immer weitere rechte Sachen überlegen müssen, um mit mir im Kontakt zu bleiben. Indem ich ihm eine andere Art des individuellen Kontakts angeboten habe, war es für ihn kein Problem diesen zu nutzen. Auch, wenn ich nicht empfehlen würde, diese Thematik aufzugreifen, würde ich empfehlen selbst ein Spielfeld aufzumachen und nicht auf das des Jugendlichen zu laufen, was ggf. dazu führen könnte, dass er oder sie sich selbst mehr schadet, alleine durch den tiefen Wunsch in Beziehung mit einem zu gehen.


Sag mir gerne, wie du darüber denkst

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